Ärzte ohne Grenzen
Ärzte ohne Grenzen ist der Name der deutschsprachigen Sektionen
der 1971 gegründeten internationalen Organisation Médecins
Sans Frontières. Die private Hilfsorganisation ist unabhängig
und leistet medizinische Nothilfe in Krisen- und Kriegsgebieten. Auf internationaler
Ebene wird die französische Bezeichnung bevorzugt, die oft mit MSF
abgekürzt wird (oder auch die englische Übersetzung Doctors
Without Borders).
Die Organisation wurde 1971 von einer kleinen Gruppe französischer
Ärzte als Reaktion auf den Biafra-Krieg gegründet. Sie wird
von einer internationalen Verwaltung geleitet, die ihren Sitz in Genf
hat. Die meisten Mitarbeiter sind Ärzte und Pflegekräfte, aber
auch Vertreter anderer Berufsgruppen unterstützen die Organisation
aktiv. Das internationale Netzwerk von Ärzte ohne Grenzen setzt sich
aus Sektionen in 19 Ländern zusammen. Jährlich werden für
Projekte der Organisation etwa 3000 Ärzte, Krankenschwestern, Hebammen
und Logistiker rekrutiert. Etwa 1000 Angestellte sind dauerhaft damit
beschäftigt, Freiwillige anzuwerben, die Finanzen zu verwalten und
Beziehungen zu den Medien zu pflegen. Zu etwa 80 % finanziert sich Ärzte
ohne Grenzen aus Privatspenden, während staatliche Gelder und
Zuwendungen aus der Wirtschaft die restlichen 20 % ausmachen. Auf diese
Weise verfügt die Organisation über ein jährliches Budget
von etwa 400 Millionen US-Dollar.
In mehr als 70 Ländern unterhält die Organisation Gesundheitssysteme
und gewährleistet medizinische Ausbildung. Die Hilfsprojekte sind
dabei unterschiedlicher Natur und reichen von medizinischer Nothilfe und
dem (Wieder-)Aufbau von Krankenhäusern über Brunnenbau bis zur
medizinischen Aufklärung der Bevölkerung. MSF weist, wie im
Falle Tschetscheniens oder des Kosovo, beharrlich auf die Verantwortung
der politischen Machthaber für die Leiden der Bevölkerung hin.
Erst ein einziges Mal hat die Organisation seit ihrem Bestehen auf militärisches
Eingreifen gesetzt, nämlich im Falle des Völkermordes in Ruanda
im Jahr 1994.
Die humanitäre Arbeit von MSF für die Opfer von Not und Gewalt
wurde 1999 durch die Verleihung des Friedensnobelpreises besonders geehrt.
Das norwegische Nobel-Komitee hat entschieden, den Friedensnobelpreis
1999 an Ärzte ohne Grenzen zu vergeben, in Anerkennung der bahnbrechenden
humanitären Arbeit dieser Organisation auf mehreren Kontinenten.
Grundsätze
Ärzte ohne Grenzen arbeitet immer unabhängig, unparteiisch
und, abhängig von der konkreten Einsatzsituation, auch so neutral
wie möglich. Nur so ist es nach Auffassung der Organisation möglich,
in Krisenregionen wirkungsvoll humanitäre Hilfe zu leisten. MSF sieht
aber auch das Witnessing (Zeuge sein) im Rahmen der medizinischen
Nothilfe als eine wichtige Aufgabe. Witnessing bedeutet, auf Völker
in Not aufmerksam zu machen. Anhand von Berichten der Mitarbeiter vor
Ort wird in der MSF-Einsatzzentrale entschieden, welche Maßnahmen
zu ergreifen sind. Mögliche Aktionen sind: Gespräche mit Verantwortlichen,
Lobbying oder öffentliche Aufklärungskampagnen, im schlimmsten
Falle sogar der Rückzug aus einem Einsatzgebiet. Nach Meinung von
MSF ist zwischen Witnessing und Neutralität in der praktischen humanitären
Arbeit unter Umständen eine Abwägung notwendig, die im Einzelfall
eine Aufgabe der Neutralität notwendig macht. Diese Auffassung zur
Neutralität unterscheidet MSF von der strikt praktizierten Neutralität
des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), aus dessen Einsatzerfahrungen
MSF entstanden ist. MSF ist, nach den Worten des Mitbegründers Bernard
Kouchner, stets unparteiisch, aber nicht immer neutral.
Gründung
Organisationen wie Oxfam, die Essensvorräte und medizinische Hilfe
an Bevölkerungen weitergeben, die in Not sind, gab es schon lange,
bevor im Jahr 1971 die Organisation Ärzte ohne Grenzen
gegründet wurde. Das 1863 gegründete Internationale Komitee
vom Roten Kreuz (IKRK) war die erste Organisation, die medizinische Notfallversorgung
für Länder leistete, deren Bevölkerung an den Folgen von
Krieg oder Naturkatastrophen zu leiden hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg
wurde das IKRK allerdings dafür kritisiert, dass es mit Hinblick
auf den Holocaust kaum Verantwortung übernommen habe. Manche, wie
Bernard Kouchner, der spätere Mitbegründer von Ärzte
ohne Grenzen, sahen darüber hinaus die stetige Neutralität
in Krisensituationen als Mittäterschaft an.
Biafra
Während des Biafra-Krieges (1967-70) verhängte das nigerianische
Militär eine Blockade der ehemals unabhängigen Region Biafra
im Südosten des Landes. Zu diesem Zeitpunkt war Frankreich das einzige
Land, das die Bevölkerung von Biafra unterstützte. Großbritannien,
die USA und die Sowjetunion hatten für die nigerianische Regierung
Partei ergriffen. Die Lage der Bevölkerung innerhalb der Blockade
war der restlichen Welt unbekannt. Eine Reihe französischer Ärzte,
darunter auch Bernard Kouchner, meldeten sich zusammen mit dem Französischen
Roten Kreuz freiwillig, um in Krankenhäusern und Nahrungsversorgungszentren
im belagerten Biafra zu arbeiten. Das Rote Kreuz verlangte von seinen
Freiwilligen jedoch die Unterzeichnung einer Erklärung, die eine
Neutralität unter allen Umständen vorsah. Kouchner und einige
andere französische Ärzte sahen darin zwar eine Verschwiegenheitsverpflichtung,
unterschrieben die Erklärung jedoch trotzdem.
Im Land angekommen, waren die Freiwilligen, einschließlich der
Beschäftigten in der Gesundheitsvorsorge und der Krankenhausmitarbeiter,
den Angriffen der nigerianischen Armee ausgesetzt. Dabei wurden sie Zeugen,
wie Zivilisten ermordet wurden und verhungern mussten. Auch Kouchner war
Augenzeuge dieser Ereignisse. Dort sah er sehr viele Kinder, die in Folge
der Hungersnot sterben mussten. Als er nach Frankreich zurückkehrte,
kritisierte er die nigerianische Regierung, aber auch das Rote Kreuz,
indem er deren Verhalten als Mittäterschaft bezeichnete. Mit der
Unterstützung weiterer französischer Ärzte half er, die
Region Biafra in das Interesse der Medien zu rücken, und rief dazu
auf, auf internationaler Ebene Verantwortung für diese Situation
zu übernehmen. Diese Ärzte, allem voran Kouchner, waren überzeugt,
dass eine Hilfsorganisation nötig war, die dem Wohlergehen der Opfer
Vorrang gegenüber politischen und religiösen Interessen einzuräumen
bereit war.
Die Groupe d'Intervention Médicale et Chirurgicale en Urgence
(deutsch Gruppe für medizinisches und chirurgisches Eingreifen
in Notfällen) wurde 1970 von französischen Ärzten
gebildet, die in Biafra gearbeitet hatten, um Hilfe zu leisten und um
die Priorität der Opferrechte über die Neutralität zu betonen.
Der Herausgeber der medizinischen Fachzeitschrift TONUS, Raymond Borel,
hatte als Reaktion auf den Bhola-Wirbelsturm in Bangladesch von 1970 mit
etwa 500.000 Toten eine Organisation mit dem Namen Secours Médical
Français (deutsch französische medizinische Katastrophenhilfe)
gegründet. Borel suchte Ärzte, die den Opfern von Naturkatastrophen
Hilfe leisten sollten. Am 20. Dezember 1971 vereinigten Borel, Kouchner
und ihre Kollegen die beiden Gruppen zu Médecins Sans Frontières.
Der erste Einsatz der neuen Organisation betraf Managua, die Hauptstadt
von Nicaragua. Dort hatte ein Erdbeben am 23. Dezember 1972 den größten
Teil der Stadt zerstört und mehr als 10.000 Todesopfer gefordert.
MSF brauchte nur drei Tage mehr als das Rote Kreuz, um seinen Einsatz
zu beginnen. Am 18. und 19. September 1974 verursachte der Hurrikan Fifi
schwere Zerstörungen in Honduras mit mehreren Tausend Toten. Hierbei
richtete Ärzte ohne Grenzen den ersten länger dauernden
Einsatz für Katastrophenhilfe ein.
Nachdem Südvietnam an Nordvietnam gefallen war, emigrierten Millionen
Kambodschaner zwischen 1975 und 1979 nach Thailand, um den Roten Khmer
zu entkommen. Als Reaktion darauf richtete Ärzte ohne Grenzen
in Thailand zum ersten Mal ein Flüchtlingslager ein. Als Vietnam
sich 1989 aus Kambodscha zurückzog, startete die Hilfsorganisation
langfristige Einsätze für Katastrophenhilfe, um den Überlebenden
der Killing Fields zu helfen und die Gesundheitsversorgung
des Landes wieder aufzubauen. Obwohl die Einsätze in Thailand darauf
abzielten, Kriegsopfern zu helfen, wird die Operation in Südostasien
als erster Kriegseinsatz von MSF angesehen. Thailand wurde als Kriegszone
angesehen, da MSF 1976 feindlichem Feuer gegenüberstand. Während
des Bürgerkrieges von 1976 bis 1984 half Ärzte ohne Grenzen
in Krankenhäusern des Libanon bei chirurgischen Einsätzen.
Neue Führung
1977 wurde Claude Malhuret zum neuen Vorsitzenden von Ärzte
ohne Grenzen gewählt. In der Folgezeit begann die Diskussion
über die Zukunft der Organisation. Malhuret und seine Unterstützer
lehnten das Konzept der témoignage (Zeuge sein oder
witnessing) ab oder spielten es herunter. Sie waren der Auffassung, dass
die Organisation Kritik an den Regierungen der jeweiligen Staaten, in
denen sie tätig waren, vermeiden solle, während Kouchner glaubte,
dass die Dokumentation des Elends, das in einem Land herrscht, die beste
Möglichkeit sei, ein Problem zu lösen. Die Frage der Zeugenschaft,
also der Veröffentlichung von Verbrechen in Krisenregionen durch
Hilfsorganisationen, spaltete die MSF.
Nach den Ereignissen in Südvietnam im Jahr 1979, bei der Menschen
auch auf Schiffen flüchteten, gehörte Kouchner zu den Unterzeichnern
eines Appells, der von französischen Intellektuellen in der linksliberalen
Zeitung Le Monde veröffentlicht wurde. Sie unterstützten das
Projekt Ein Boot für Vietnam mit dem Ziel, den Flüchtlingen
medizinische Hilfe zur Verfügung zu stellen. Dieses Projekt wurde
von den meisten Mitgliedern von Ärzte ohne Grenzen nicht
unterstützt. Dennoch charterte Kouchner ein Boot namens LÎle
de Lumière (deutsch Die Insel des Lichtes), reiste
zusammen mit anderen Ärzten, Journalisten und Fotografen zum Südchinesischen
Meer und leistete tausenden Patienten medizinische Hilfe. Obwohl der Einsatz
ein Erfolg war, erhielt Kouchner weiter kaum Unterstützung von Ärzte
ohne Grenzen, woraufhin er im März 1980 mit rund 15 weiteren
Ärzten eine neue Organisation namens Médecins du Monde (Ärzte
der Welt) gründete. Kouchners neue Hilfsorganisation ist Ärzte
ohne Grenzen sehr ähnlich, und so führen beide Organisationen
oft in den selben Ländern Feldeinsätze durch.
Entwicklung von Ärzte ohne Grenzen
1982 gelang es Malhuret und Rony Brauman, die finanzielle Situation der
Organisation zu verbessern, indem sie Wohlfahrtsbriefmarken bei der Post
einführten. Dies erleichterte die Spendenbeschaffung. Brauman wurde
im selben Jahr neuer Vorsitzender von Ärzte ohne Grenzen.
In den achtziger Jahren entstanden operative Sektionen der Organisation
in anderen Ländern: in Belgien wurde 1980 die zweite Sektion gegründet,
die Schweizer Sektion mit Sitz in Genf bildete sich 1981. Weitere Sektionen
folgten 1984 in den Niederlanden und 1986 in Spanien. Im gleichen Jahr
wurde in Luxemburg die erste unterstützende Sektion gegründet.
Malhuret und Brauman führten nach Kouchners Abgang auch zahlreiche
Veränderungen an der Organisation durch. Nachdem die sowjetische
Armee im Dezember 1979 in Afghanistan einmarschiert war, wurden sofort
Feldeinsätze durchgeführt, um den Mudschahid-Kämpfern medizinische
Hilfe zu ermöglichen. Im Februar 1980 prangerte die Organisation
die Roten Khmer öffentlich an.
Während der Hungersnot in Äthiopien 19841985 führte
sie Ernährungsprogramme in Land durch, wurde aber 1985 ausgewiesen,
nachdem sie die Unterschlagung internationaler Hilfeleistungen und die
durch das Mengistu-Regime durchgeführten Zwangsumsiedlungen angeprangert
hatte. Aufgrund des Drucks der internationalen Öffentlichkeit sowie
der Androhung einer Sperre von Geldern durch die wichtigsten Geberländer
lenkte das Regime ein.
Nachdem San Salvador, die Hauptstadt von El Salvador, am 10. Oktober
1986 von einem Erdbeben heimgesucht worden war, stellte sie der dortigen
Bevölkerung Ausrüstung zur Verfügung, um sauberes Trinkwasser
herstellen zu können. 1993 erhielt die Organisation vom UN-Hochkommissariat
für Flüchtlinge die Nansen-Medaille.
Artikel Ärzte ohne Grenzen. In: Wikipedia, Die
freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 6. Juni 2007, 12:15 UTC. URL:
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(Abgerufen: 21. Juni 2007, 05:40 UTC)
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